Stimmungsvolle Sympathieerklärung für Stiegler

Verabschiedung Dekan Stiegler
Bildrechte: Günther Wilhelm, Schwabacher Tagblatt

Abschiedsgottesdienst für den Schwabacher Dekan, der als Regionalbischof nach Regensburg geht

Bericht vom Schwabacher Tagblatt vom 9. Juli 2019

SCHWABACH - Das Lied könnte passender nicht sein. Als der Posaunenchor der Kantorei den "Wind of Change" der Scorpions durch die Stadtkirche wehen lässt, bekommt er spontanen Beifall. Doch es ist nicht nur der Titel, der für Klaus Stieglers Wechsel vom Schwabacher Dekan zum Regensburger Regionalbischof steht. Vor allem ist es dieser stimmige Mix aus Melancholie und zuversichtlichem Aufbruch, der den Sound dieser Rockhymne prägt und die Tonlage dieses Abschiedsgottesdienstes trifft.

 

Samstagnachmittag in der voll besetzten Stadtkirche. Nach 15 Jahren als Erster Pfarrer von St. Martin und Dekan betritt Klaus Stiegler ein letztes Mal die Kanzel, und schon seine ersten Worte zeigen die in dieser Zeit gewachsene Verbundenheit. "Ihr Lieben", sagt Stiegler und macht eine kurze Gedankenpause. "Sie und Ihr macht es mir nicht leicht, mich aus Schwabach verabschieden zu lassen."

Eine letzte Predigt als "Erfolgsbilanz oder öffentliche Beichte", fragt er sich und gibt sofort die Antwort. Weder noch. "Da ist nur Dankbarkeit und sonst nichts."

Dankbarkeit auch für die Erfahrung, dass selbst ein schwieriger Einstieg stärken und Früchte tragen kann. Als Stiegler 2004 mit 39 Jahren als jüngster Dekan Bayerns in Schwabach beginnt, sind Gemeinde und Dekanat finanzielle Notfälle. Zur nötigen Sanierung gehören auch unpopuläre Entscheidungen, teils heftige Kritik bleibt nicht aus.
Kirchlicher Stresstest

"Der Ehrlichkeit halber" erinnert er ganz offen an diese Konflikte, die heute so unwirklich und fern wirken, dass Stiegler sie mit einer humorvollen Portion Selbstironie als "kirchlichen Stresstest am Anfang" sieht.

Seine letzte Predigt beschreibt sein Selbstverständnis als Pfarrer: "Meine Aufgabe habe ich immer als Diakonie verstanden: zu dienen. Dem Evangelium, den Menschen und dem Zusammenleben in der Region." Einer Region und einer Stadt, die kein Dienstort, sondern Zuhause war. Deshalb sagt er zum Schluss: "Gott sei Dank für Schwabach."

Was folgt, ist zunächst ein kirchenrechtlicher Akt: die Entpflichtung als Dekan. Symbolisch gibt Klaus Stiegler seine Kette mit dem Kreuz zurück an Regionalbischöfin Elisabeth Hann von Weyhern, die künftig nicht mehr Vorgesetzte, sondern Kollegin sein wird.

Insbesondere aber wird der würdevolle Festgottesdienst eines: eine Sympathieerklärung für Klaus Stiegler und dessen Familie.

Einer, der zuhören kann
Elisabeth Hann von Weyhern beschreibt ihn als einen, der zuhören kann, der klar sagt, was er denkt, und der große Ruhe ausstrahlt. "Da lacht jetzt die Familie", stellt die Regionalbischöfin amüsiert fest und bekräftigt: "Für uns strahlt er große Ruhe aus." Mit diesen Eigenschaften habe Klaus Stiegler "eine wunderbare Kultur des Miteinanders" geschaffen. Auf dieser Grundlage seien zum Beispiel das Evangelische Haus entstanden und die Stadtkirche saniert worden. "Jetzt lassen wir Sie ziehen — mit großer Anerkennung und großem Dank."

Synodalpräsidentin Annekathrin Preidel hat das Dekanat Schwabach im vergangenen Jahr bei der Frühjahrs-
synode als "Schatzkästlein" und Klaus Stiegler als "Schatzmeister" erlebt: "Menschen wie Sie brauchen wir in der Kirchenleitung und im Landeskirchenrat." Genau das hat OB Matthias Thürauf schon immer befürchtet: "Klaus Stiegler ist so eine herausragende Persönlichkeit und eine solche Stütze der Stadtgesellschaft, dass es nur eine Frage der Zeit war." Zwischen OB und Dekan hat sich in den Jahren eine freundschaftliche
Atmosphäre entwickelt: "In erster Linie bin ich traurig, dass Du gehst. Aber ich gönne es Dir wie keinem Zweiten."

Wie Thürauf geht es vielen, auch Landrat Herbert Eckstein. Der erinnert sich launig an eine Begegnung beim Triathlon, als er Stiegler beim Radfahren in fürchterlichem Wetter mit einer Regenjacke aushelfen konnte. Ein Dekan als Sportler: "Er ist so herrlich normal."
Zuflucht in der Stadtkirche gefunden

Ganz besonders ist Stieglers Einsatz für die Ökumene, was vor allem sein katholischer Kollege Robert Schrollinger für den Arbeitskreis christlicher Kirchen (AcK) betont und sich nochmals für die Zuflucht in der Stadtkirche am stürmischen Fronleichnamstag bedankt. Als Oberpfälzer leistet Schrollinger kulinarische Integrationshilfe in gleich doppelter Form: mit Regensburger Bischofsbier und einer Einladung im berühmten Bratwurtskuchl. "Aus Drei in am Weggla werden Sechs mit Kraut. Das klingt nach Beförderung."

Landtagsvizepräsident Karl Freller würdigt Stiegler als "Brückenbauer mit Empathie, Charisma und Offenheit." Bei der Eröffnung des Landesmuseums habe er den Regensburgern schon gesagt: "Ihr kriegt einen der besten Pfarrer, die ich je kennengelernt habe."

Für Ingrid Ittner-Wolkersdorfer vom Kirchenvorstand von St. Martin ist Klaus Stiegler ein "Pfarrer mit Profil, der zuhören kann und der Gehör findet". In sehr persönlichen Worten bedankt sie sich auch bei Ehefrau Doris und den Kindern Anna, Jonas und Jakob.

Irene Böttger und Uwe Renner vom Präsidium des Dekanatsausschusses erinnern an Stieglers "kollegialen Umgang". Pfarrerin Renate Schindelbauer gibt als "Babett aus Schweinau" eine kabarettistische Einlage.
Der Lösungsfinder

Für das Diakonische Werk hebt Roland Oeser Stieglers Fähigkeit hervor, "neue Aufgaben anzunehmen und Lösungen zu finden". Für die Schwabacher Schulen betont Dr. Richard Kaufmann, er habe bei der Beerdigung eines Schülers Dekan Stiegler als "sehr empfindsamen und einfühlsamen Seelsorger" erlebt.

Als Seniora des Pfarrkapitels sagt Pfarrerin Elisabeth Gottfriedsen-Puchta: "Für uns ist es bitter, dass Sie gehen. Aber für die Kirche insgesamt ist es ein Gewinn." Synodalvizepräsident Walter Schnell schließlich verrät seine Seelenlage fränkisch kurz und direkt: "Schood dassd gäist."

Vielleicht aber kommen Stieglers ab und zu doch zurück. Beim anschließenden entspannten Miteinander am Martin-Luther-Platz kommt der nun ehemalige Dekan aus dem Händeschütteln gar nicht heraus. Von den Mitgliedern seines Tanzkurses erhält das Ehepaar einen Kurs-Gutschein.

So ganz lässt Schwabach Stieglers doch nicht gehen.

GÜNTHER WILHELM