Gemeinschaft fasten – und trotzdem Freude teilen

Dekanin Berthild Sachs
Bildrechte: Berthild Sachs

Sonntagsbetrachtung für den 22. März 2020 von Dekanin Berthild Sachs, Evang.-Luth. Dekanatsbezirk Schwabach

An diesem Sonntag startet die Passions- und Fastenzeit in die zweite Hälfte. Wir haben Halbzeit.
Wohl kaum jemand hätte sich vor drei Wochen, am Aschermittwoch, vorstellen können, was für eine Fastenzeit und dieses Jahr bevorsteht. Viele hatten sich auch dieses Jahr „Sieben Wochen ohne“ vorgenommen, ohne Alkohol oder Süßigkeiten, oder Klimafasten ohne Plastik und Auto.

Und jetzt? Ungefragt müssen wir alle auf viel, viel mehr verzichten: Viele Menschen auf ihren gewohnten Alltag am Arbeitsplatz oder in der Schule. Wir alle auf Ausgehen, Shoppen, Sport – sei es im Fitnessstudio, im Verein oder im Fernsehen  -, auf gemeinsames Singen und Musizieren, Kurse und Treffen, Familienfeste, Besuche und Reisen. Notgedrungen fasten wir in Sachen Kontakt und Gemeinschaft. Und wir ahnen, welch radikales Fasten uns damit für die zweite Halbzeit bis Ostern und auf unbestimmte Zeit darüber hinaus auferlegt ist.

Das Motto der diesjährigen evangelischen Fastenaktion klingt in mir nach: „Zuversicht – Sieben Wochen ohne Pessimismus“.
Klingt das nicht wie Hohn für die vielen unter uns, die jetzt Angst haben, sich selbst mit dem Virus anzustecken? Die in Sorge sind um betagte Angehörige?
Woher Zuversicht nehmen, wenn der Arbeitsplatz in Gefahr ist, das eigene Geschäft wochenlang zu bleiben muss, die Abschlussprüfung in Gefahr ist, oder wenn schon jetzt Ärzte und Pflegekräfte am Rand der Erschöpfung arbeiten.
Der Halbzeitsonntag in der Passionszeit trägt den Namen „Laetare“ – „Freue dich!“ Er wird deshalb auch Klein-Ostern genannt.
Auch das noch! Aber vielleicht ist das gerade jetzt ein überlebensnotwendiger Appell. Dass wir die Lebensfreude ausdrücklich suchen, wo doch vieles, was sonst Freude macht, fehlt, und Angst und Pessimismus schneller um sich greifen als der Virus.
Solche Freude ist eine Frage der Haltung. Sie muss bewusst gesucht und entdeckt werden: Die Freude unverhofft geschenkter Zeit, für Partner und Kinder, für ein Telefonat mit fast vergessenen Freunden, für ein dickes Buch, ein neues Kochrezept oder den Frühjahrsputz in Wohnung und Garten. Kleine Momente intensiver Freude, vielleicht am explodierenden Frühling, an wärmender Sonne, am Klang der Glocken. Es kann gut tun und Freude machen, den Tag mit einem Psalm oder guten Gedanken zu beginnen und mit einem stillen Dank abzuschließen. Viele entdecken in diesen Tagen als größte Freude die geteilte Freude: für andere da zu sein, sie zu unterstützen, solidarisch zu bleiben, ein Lächeln zu schenken, ein Lachen zu teilen.
Laetare – freue dich, und teil diese Freude!